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Sonntag
01. Jänner 2017

EDITORIAL

LIEBE MUSIKFREUNDE,

die Welt wandelt sich fortwährend – wir erleben dies bisweilen intensiver, bisweilen weniger intensiv. Eine der wahrnehmbaren Veränderungen der jüngeren Zeit lässt sich exemplarisch anhand von drei politischen Ereignissen im Jahr 2016 skizzieren:
EDITORIAL

Im April haben im ersten Wahlgang zwei „Außenseiter“, die höchst unterschiedliche, ja geradezu konträre Ideologien vertreten, die Kandidaten der Regierungsparteien aus dem Rennen geschlagen und sich als chancengleiche Aspiranten auf das Amt des österreichischen Bundespräsidenten herauskristallisiert. Im Juni haben die Teilnehmer eines Referendums zur EU-Mitgliedschaft des Vereinigten Königreichs mit knapper Mehrheit dafür gestimmt, die Europäische Union zu verlassen, und im November konnte ein so genannter Quereinsteiger, der bis in die Reihen seiner eigenen Partei hinein polarisierte, mit geringem Vorsprung die Wahl zum US-Präsidenten für sich entscheiden.

Bestehen zwischen diesen – an sich unabhängigen – politischen Ereignissen Analogien? Jedenfalls hat in allen drei Fällen – wobei ich mich in ersterem nunmehr auf die vom VfGH aufgehobene erste Stichwahl zwischen den Bundespräsidentschaftskandidaten im Mai beziehe – eine äußerst knappe Majorität den Ausschlag für das Wahlergebnis gegeben. Eine signifikante Manifestation des Wählerwilles war also ausgeblieben. Bemerkenswert ist ferner auch, dass sich die Prognosen der Medien und Meinungsforscher im Vorfeld aller dreier Wahlen überwiegend als falsch erwiesen hatten.

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen? Offenbar wurden im Zuge dieser Volksentscheide, allerdings abseits von deren eigentlichen Themenstellungen, Kontroversen zwischen divergierenden Weltanschauungen ausgetragen, welche nicht mehr im Sinne der herkömmlichen ideologischen Kategorien „links“ und „rechts“ interpretierbar sind. Vielmehr lässt sich dieses Phänomen als Ausdruck wachsender Unzufriedenheit mit dem Status quo, den geopolitischen und sozioökonomischen Entwicklungen der letzten Zeit sowie mit dem so genannten Establishment, das augenscheinlich für die Schattenseiten dieser Entwicklungen verantwortlich gemacht wird, deuten. Der Wunsch nach Abstrafung der regierenden Kreise war das entscheidende Movens dieser Enttäuschten, die eigentliche Fragestellung hingegen von geringerer Relevanz. Dieser Trend verschärft sich durch immer unsachlicher, untergriffiger und brutaler geführte politische Kampagnen, die zunehmend auch über das Internet bzw. soziale Medien ausgetragen werden: Im Unterschied zu konventionellen Medien gelten für den virtuellen Raum weder der Pressekodex noch andere ethische Bestimmungen.

Was hat all das mit uns – den Musikschaffenden und Kunstfreunden – zu tun? Sehr viel. Sollte sich diese Tendenz in näherer Zukunft noch weiter zuspitzen, so droht ein Riss, der quer durch die Mitte der Gesellschaft geht: Jene Mitte, die im Kontext demokratischer politischer Kulturen bislang als Bewahrerin von Grundrechten, Privatautonomie, sozialer Wohlfahrt, Toleranz, ethischen Standards, kultureller Vielfalt, und – infolgedessen – von gesellschaftlicher Stabilität fungiert hat. Verliert diese liberale Mitte ihren Zusammenhalt, treiben ihre Bruchstücke unweigerlich den Rändern des Spektrums zu. In einer solchen Situation wären ein grundlegender Konsens in politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Fragen und ein konstruktiver Umgang mit selbigen de facto nicht mehr möglich.

Was aber können wir, die wir meistenteils über keinerlei politischen oder medialen Einfluss verfügen, schon dagegen ausrichten? Lassen sich solche Entwicklungen überhaupt beeinflussen? Wir sollten es zumindest mit aller Kraft versuchen, indem wir uns unserer Verantwortung für uns selbst und andere bewusst sind, indem wir andere Wertvorstellungen und Meinungen auch dann respektieren, wenn diese uns unangenehm sind, aber auch Position beziehen, wo es notwendig ist; indem wir uns vor Generalisierungen hüten, uns gegen Vereinnahmungen verwahren, kurzum: indem wir zur Kenntnis nehmen, dass Wahrheit, Recht und Moral nicht im Eigentum einer bestimmten (respektive der eigenen) Neigungsgruppe stehen. Und schließlich auch, indem wir der Gegenwartskunst, die sich in vielfältiger Weise in den Dienst der Menschlichkeit gestellt hat, unser aktives Interesse und unsere Wertschätzung entgegenbringen.

In diesem Sinne wünschen wir viel Freude mit den Konzerten der ÖGZM und freuen uns auf Ihren Besuch!

 

Mit herzlichen Grüßen,
Morgana Petrik (Präsidentin) & das ÖGZM-Team


 

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